Inflation – Wenn das mal nur ein „Winter des Mißvergnügens“ wird

“Inflation is always and everywhere a monetary phenomenon,
in the sense that it is and can be produced only by
a more rapid increase in the quantity of money than in output.
Milton Friedman

Wenn sich schon Tiktok (in einem nicht mal schlechten Video) mit den Ursachen der Inflationsentwicklung beschäftigt (hier), dann ist das Thema endgültig im Mainstream angekommen. Und ich denke, da wird es angesichts der aktuellen Entwicklungen auch  bleiben. Aber nach der Urlaubszeit der Reihe nach in meiner Reihe über Inflation (zuletzt hier):

Deutschland: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/09/PD22_383_611.html

https://www.welt.de/wirtschaft/article241020503/Inflation-Teuerungsrate-spring-im-August-auf-fast-8-Prozent.html

Nachdem sich das Tempo der Inflation im letzten Monat ja auf +7,5% abgeschwächt hatte, machte sich schon Hoffnung breit, dass das schlimmste überstanden sein könnte. Zu früh gefreut: mit +7,9% nahm die Inflation im August wieder deutlich an Fahrt auf.

Nachdem sich die Bundesbank schon vor einiger Zeit meiner Ansicht angeschlossen hat, dass wir im Herbst zweistellige Inflationsraten auch in Deutschland sehen werden (hier) stimmte das Ifo-Institut zwischenzeitlich in den Chor ein und geht von einer Inflationsrate von 11% im Winter aus (hier). Da fällt es dann kaum noch ins Gewicht, dass beide Institutionen auch gleich noch eine „Winter-Rezession“ vorhersagen. Nur der „Experte“ Fratzscher hält tapfer dagegen und spricht bei der aktuellen Gehaltsrunde (bislang zumindest nicht ganz zu Unrecht, s. hier) davon, dass das Gerede von einer Lohn-Preis-Spirale ein „Märchen“ sei (hier). Das Problem bei Herrn Fratzscher ist, dass er eher als „Contra-Indikator“ taugt, denn in längeren Zeiträumen tritt meistens das Gegenteil seiner Behauptungen ein (s. nur hier). Von daher dürften wir bei Eintritt von zweistelligen Inflationsraten spätestens nächstes Jahr Zweitrundeneffekte sehen, die sich gewaschen haben.

Die Bauzinsen in Deutschland sind jedenfalls in diesem Jahr schon mal um 230% gestiegen (hier). Das alleine dürfte schon für etliche „Zweitrundeneffekte“ sorgen – zumal da noch gar nicht die bisherigen EZB-Zinserhöhungen eingepreist sind.

EU: https://www.manager-magazin.de/politik/inflation-in-eurozone-klettert-auf-9-1-prozent-teuerung-erreicht-rekordwert-a-03944fdc-7f73-4d72-b863-9cb8f9c1e161

https://www.handelsblatt.com/finanzen/geldpolitik/verbraucherpreise-inflation-in-eurozone-klettert-auf-rekordwert-von-8-9-prozent/28608940.html

Nachdem die Inflationsrate mit +8,9% im Juli bereits Rekordwerte erreichte, übersprang sie diese Zielmarke im August 2022 gleich wieder – mit +9,1%. Dass dieser Anstieg alles andere als überraschend kommt, zeigt ausgerechnet die Berliner Zeitung (ok, zusammen mit Cicero) auf (hier).

EZB: https://wolfstreet.com/2022/09/08/ecb-shocked-shocked-to-find-that-inflation-is-going-on-in-here-hikes-by-75-basis-points-after-50-basis-point-hike-in-july/

https://www.welt.de/wirtschaft/article240941621/EZB-Die-Schwaeche-des-Euro-ist-auch-die-Schwaeche-der-Notenbank.html

Eine aufgeschreckte EZB erhöht angesichts der bislang stets negierten galoppierenden Inflation gleich zwei Mal hintereinander den Leitzins (+0,5% und +0,75%). Mit einem Leitzins von nunmehr 1,25% (hier) ist der Realzins aber noch immer tief im negativen Bereich. Kein Wunder, dass der Nachfolger von Herrn Weidmann bei der EZB, Herr Nagel für weitere Erhöhungen des Leitzins wirbt (hier)

USA: https://www.manager-magazin.de/politik/weltwirtschaft/inflation-in-den-usa-sinkt-auf-8-5-prozent-wie-reagiert-die-zentralbank-fed-a-0f6a519c-c48f-4e08-9458-66ca14d4e041

https://www.handelsblatt.com/finanzen/geldpolitik/verbraucherpreise-inflation-in-den-usa-schwaecht-sich-weiter-ab-auf-8-3-prozent/28678218.html

Die Inflationsrate ist in den USA im Juli „nur“ noch um +8,5 Prozent und im August sogar „nur“ noch um +8,3% jeweils im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen – nach einem Zuwachs von 9,1 Prozent im Juni. „Auch wenn die Zahlen ähnlich aussehen, haben die Inflation in Europa und in den USA doch unterschiedliche Ursachen: Die Euro-Inflation werde von einem „gigantischen Energiepreisschock“ getrieben, so der Ökonom Paul Krugman. Die USA kämpfen hingegen mit einer heiß gelaufenen Wirtschaft – eine Folge zu üppiger staatlicher Konjunkturprogramme.“ schreibt das Hurrablatt zu Recht (hier).

Ein weiterer Unterschied ist, dass die Fed bei der Bekämpfung der Inflation schon wesentlich weiter ist, als die EZB und bereits mit zwei „Jumbo-Rate-Hikes“ von je 0,75% den Leitzins auf 2,25 bis 2,50% angehoben hat. Weithin wird auch für den September von einem weiteren „Jumbo-Rate-Hike“ in dieser Größenordnung ausgegangen (hier).

UK: https://www.handelsblatt.com/finanzen/geldpolitik/verbraucherpreise-daten-nehmen-etwas-druck-von-der-bank-of-england-britische-inflationsrate-sinkt-unerwartet/28679882.html

https://www.wiwo.de/politik/europa/hohe-inflation-kommt-es-in-grossbritannien-bald-zu-unruhen/28613398.html

https://www.ft.com/content/778e65e1-6ec5-4fd7-98d5-9d701eb29567

Auch in England sinkt der ZUWACHS der Inflationsrate – von +10,1% im Juli auf „nur noch“ +9,9% im August 2022. Damit dürften sich im Vormonat befürchtete Horrorszenarien einer Inflationsrate von +18% vielleicht doch nicht so schnell bewahrheiten – aber eine Entwarnung ist das alles nicht. Die BoE hat angesichts des Todes der Queen ihre Zinsentscheidung zunächst vertagt, aber Insider gehen davon aus, dass die Zentralbank den Leitzins sehr bald auf 2,25% anheben wird. Das wäre dann aber noch unterhalb des Leitzinses der EZB und es bliebe ein hoher negativer Realzins. Dem befürchteten „Winter des Missvergnügens“ dürfte dementsprechend nur wenig im Wege stehen. 

Türkei: https://app.handelsblatt.com/finanzen/tuerkei-hoechste-preissteigerung-seit-24-jahren-tuerkische-inflation-steigt-auf-80-21-prozent/28658322.html

https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/id_100035574/drohende-niederlage-bei-tuerkei-wahl-erdogan-steht-am-abgrund.html

https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/logistik-bruechige-lieferketten-tuerkei-wird-zum-fluchtpunkt-deutscher-firmen/28662642.html

Der Türkei gelingt das Wunder, hohe Inflationsraten mit hohen Wirtschaftswachstumszahlen zu verbinden: Die Inflation in der Türkei ist im August 2022 auf über +80% gestiegen. Das Hurrablatt reichte aber zwischenzeitlich die Erklärung für die gleichwohl „brummende Wirtschaft“ nach (hier). Die Türkei entwickelt sich zum Logistik-Hub für von Lieferkettenschwierigkeiten gebeutelten deutschen Firmen. Wird bestimmt interessant, was zuerst bricht: die Inflation oder die Investitionen. In jedem Fall steht Herr Erdogan (mal wieder) am Abgrund. Nun ja.

Fazit: Es wird nicht nur Zeit, dass sich die Notenbanker mal allseits entschuldigen, wie Herr Müller im Spiegel unlängst zu Recht forderte (hier). Die Notenbanken – allen voran die EZB – müssen sich auf die Inflationsbekämpfung fokussieren. Angesichts der Probleme ist es dazu aber wenig hilfreich, wenn Frau Lagarde dem traditionellen Jahrestreffen der Notenbanker in Jackson Hole fernbleibt und statt dessen in einer Modezeitschrift auftritt (hier) oder Frau Schnabel, die noch im letzten Jahr die Inflationsentwicklung komplett falsch eingeschätzt hat (hier) in Jackson Hole etwas davon faselt, dass man jetzt „kraftvoll gegen die Inflation vorgehen müsse“. Entweder man erhöht die Zinsen – oder man lässt es. Dann kann man aber auch den Mund halten.

Aber auch die (deutsche) Politik verstärkt mit ihrer gegenwärtigen Politik eher noch die inflationären Tendenzen anstatt sie abzumildern (hier). Den Kapriolen der Politik des smarten Herrn Habeck werde ich noch einen eigenen Artikel widmen. Damit gilt ähnliches für die Wirtschaftspolitik wie für die Notenbanken: Entweder dämpft man die Auswirkungen der Inflation – oder man lässt es. Man facht aber nicht noch die Inflation an.

Denn die Folgen der völlig fehlgeleiteten Geldpolitik der westlichen Notenbanken und Politik  – vor denen namhafteste Finanz- und Wirtschaftsexperten, wie der oben zitierte Milton Friedman, teilweise seit Jahren gewarnt haben (!) – treten jetzt brutal zu Tage, als da wären:

REZESSION. Die Rezession wird spätestens im IV. Quartal kommen. Das ist quasi ein Naturgesetz – egal, was Notenbanken oder Regierungen jetzt noch veranstalten – auch wenn das deutsche BIP in Q2 doch überraschend noch um 0,1% gewachsen ist (hier). In der gesamten Eurozone ist die Wirtschaft nämlich im gleichen Zeitraum schon geschrumpft (hier). Dementsprechend gehen die Auguren von einer schrumpfenden deutschen Wirtschaft bereits ab dem dritten Quartal aus (hier) und dabei wird es wohl nicht bleiben, weder zeitlich (hier) noch auf Deutschland beschränkt (hier). Die Deutsche Bank hatte übrigens bereits im April für die USA eine Rezession vorhergesagt (hier),

FINANZKRISE. Nicht nur die Weltbank (hier) befürchtet eine Rückkehr der Schuldenkrise der 80er Jahre. Ich denke, wir werden uns noch die Finanzkrise von 2008 zurückwünschen.

VERLIERER. Jede Krise produziert Verlierer, auch diese. So dürfte der deutsche Mittelstand, der bereits jetzt zum Teil die Produktion einstellen muss (hier) zu den Verlierern der Krise gehören. Das wird – Rettungspakete hin oder her – auch in zahlreichen Pleiten (s. hier) zeigen.

GEWINNER. Jede Krise produziert Gewinner, auch diese. So zählt Nestle bereits jetzt zu den Gewinnern (hier). Aber die Gewinner sieht man nicht allzu gerne – wie bereits die Diskussion über die „Übergewinnsteuer“ zeigt. Auf Dauer folgt daraus nämlich der…

LASTENAUSGLEICH (hier). Irgendwann wird man den Ausgleich zwischen den Habenden und den Habenichtsen bewerkstelligen müssen, um soziale Unruhen zu vermeiden oder zumindest wieder einzufangen. Bereits im Jahr 2012 fragte mich eine Mitarbeiterin in meiner alten Kanzlei, ob wir auch in Deutschland wieder von der Einführung eines Lastenausgleichs ausgehen müssten. Das habe ich schon damals bejaht.

Gibt es AUSWEGE? Eigentlich keine, zumindest keine , die die westlichen Staaten so einfach beeinflussen können. Aber vielleicht greift ja die Göttin des Glücks – sprich Fortuna – ins Geschehen ein. Eine schnelle Niederlage Russlands könnte (eher kontraintuitiv) sogar preismindernd wirken (s. zur militärischen Lage hier). Das scheint auch der Markt so zu sehen, denn nach einem anfänglichen Paniküberschwang sind die Gaspreise seit einiger Zeit im Sinkflug (hier). Möglicherweise werden also auch hier die Kartoffeln nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht werden. Sollte sich die Krise also – fortunamäßig – abschwächen, bleibt zu hoffen, dass die zentralen Akteure diese Chance beim Schopfe packen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt…

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