Morning Briefing – 30. September 2021 – Inflation – wird schon alles nicht so schlimm, oder?

Guten Morgen,

In meiner gestern begonnen Reihe über die Baustellen der zukünftigen deutschen Regierung (gestern hier zur Mobilität) komme ich heute auf das vielleicht dringendste Problem zurück: die rasant steigende Inflation. Ich hoffe, ich komme mit den MB’s zur Inflationsentwicklung nicht demnächst in einen „Los Wochos“-Rhythmus, wie bei anderen Themen (s. zuletzt bei mir hier).

UK: https://www.ft.com/content/3f86796c-7030-4d7e-a4c1-5ba22725e250

https://www.politico.eu/article/uk-inflation-at-record-high-in-august-puts-central-bank-on-the-spot/

„3,2%, höchstes Niveau seit 2012″….

Canada: https://www.theglobeandmail.com/business/economy/article-canada-inflation-rate-explained/

„The August consumer price index (CPI) inflation rate is 4.1 per cent, up from 3.7 per cent in July. The last time the rate was higher was in March, 2003“

USA: https://www.handelsblatt.com/finanzen/geldpolitik/geldpolitik-inflation-in-den-usa-liegt-im-august-bei-5-3-prozent/27610392.html

„Inflation in den USA liegt im August bei 5,3 Prozent“….

Und die Fed ist die erste Zentralbank, die zumindest ein Ende der „ultralockeren“ Geldpolitik andeutet. Was sofort zu einem Anstieg der Anleiherenditen führte.

Deutschland: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/09/PD21_462_611.html

https://www.n-tv.de/wirtschaft/Okonom-Inflation-ueber-fuenf-Prozent-moeglich-article22814668.html

https://www.welt.de/wirtschaft/article234108064/Knappheit-Deutschland-importiert-Inflation-wie-in-der-Oelkrise-von-1982.html

Destatis: „Inflationsrate im September 2021 voraussichtlich bei +4,1 %“. Das sieht ganz danach aus, als würden die Voraussagen, auch von Herrn Weidmann, dass wir bis Weihnachten eine Inflationsrate von 5% und mehr sehen, zumindest zutreffen, wenn nicht sogar übertroffen werden.

Lebensmittel: https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/inflation-sozialverband-zu-gestiegenen-verbraucherpreisen-obst-und-gemuese-werden-zum-luxusgut-a-f45b8bea-b950-4505-a2f3-a945acd1d9cd

https://www.n-tv.de/wirtschaft/Warum-werden-Nudeln-teurer-article22811129.html

Meine täglichen Tiefkühlhimbeeren haben sich von Euro 3,99 auf Euro 5,24 verteuert, sag ich da nur…

Gaspreis: https://www.spiegel.de/wirtschaft/gaspreis-experten-warnen-vor-drastischer-steigerung-a-f99c7383-e038-4ba7-939f-27fea15996c9

Ölpreis: https://www.handelsblatt.com/finanzen/maerkte/devisen-rohstoffe/rohstoffe-oelpreis-steigt-erstmals-seit-drei-jahren-ueber-80-us-dollar/27655294.html

Benzin: https://www.handelsblatt.com/finanzen/maerkte/devisen-rohstoffe/spritpreise-benzinpreis-erreicht-acht-jahres-hoch-diesel-legt-stark-zu/27636444.html

https://www.spiegel.de/wirtschaft/service/benzinpreis-verbraucherschuetzer-halten-zwei-euro-pro-liter-fuer-realistisch-a-3d557fbc-5c2a-4e8a-a0c4-a95595b57363

Und da schlägt sie durch, die Inflation…Und wenn die Träume von Herrn Diess & Co. über erhöhte Preise für CO2-Zertifikate wahr werden, dann ist das auch nicht eine „vorübergehende“ Preissteigerung.

EZB: https://www.handelsblatt.com/finanzen/geldpolitik/preissteigerung-ezb-direktorin-schnabel-inflation-ist-weiterhin-eher-zu-niedrig/27608900.html

So, so, also das deutsche EZB-Direktoriumsmitglied Frau Schnabel hält die Inflation also für zu niedrig. Nicht nur, dass die Notenbanken ihre Politik nach den Aktienmärkten ausrichten (hier), die EZB-Ratsmitglieder richten ihre Politik scheinbar nach den Interessen ihre Heimatländer aus (hier). Davon überrascht sein kann eigentlich auch nur ein Deutscher. Aber, diese Damen und Herren können sich also ein objektives und unparteiisches Urteil über die Inflation erlauben?

El-Erian: https://www.zerohedge.com/markets/el-erian-fears-not-transitory-stagflation-maersk-exec-warns-only-lower-consumer-demand-will

„Stagflation“! Er hat das „S-Wort“ gesagt!!!

Türkei: https://www.spiegel.de/wirtschaft/tuerkei-inflationsrate-steigt-auf-fast-20-prozent-a-7b868c8c-e7f6-426d-975d-27c07a504dfa

Das wird nicht besser (s. auch schon hier)

Venezuela: https://www.spiegel.de/wirtschaft/venezuela-streicht-wegen-inflation-sechs-nullen-von-geldscheinen-a-dc092624-f483-407b-a19d-56eb2835a27f

Ah, wie einfach, ich streiche also einfach ein paar Nullen….(s. aber den Thread hier zum „Weg“ Venezuelas nach unten)

Fazit: Während die neuen Zünglein an der (Regierung-)Waage fröhlich Gemeinschaftsbilder auf Twitter ob ihres eigenen Machtbewusstseins und offensichtlich in Träumen von zukünftigen „Gestaltungen“ schwelgend posten (hier), braut sich über Deutschland bereits kurzfristig ein Gewitter größeren Ausmaßes an – nämlich eine hohe Inflation. Die muss gar nicht die Höhe deutscher Albträume von 1923 erreichen. Das jetzige Niveau dürfte – wenn es eben nicht nur vorübergehend ist – schon ausreichen, das Konsumverhalten der Deutschen zu beeinflussen. Und das könnte das – schon geschwächte (hier) – zarte Pflänzchen des Aufschwungs gleich noch mehr in Mitleidenschaft ziehen, als uns allen lieb ist. Da ist dann auch eine „Stagflation“ vor der (der von mir hochgeschätzten) Mr. El-Erian warnt, nur noch einen Zinsschritt entfernt. Denn das ist, was die Fed derzeit plant – und im Zweifel auch durchziehen muss, weil sie in die Erholung hinein weiterhin Geld in den Markt gepumpt hat, als gäbe es kein Morgen. Und Canada und UK werden dann im Zweifel nachziehen. Dann steht die EZB möglicherweise im Regen und müsste, wenn sie die Zinsen nicht anhebt, einen Verfall des Euro hinnehmen (Türkei, anybody?). Was dann unweigerlich zu höheren Importpreisen führt (s. oben die Meldung der Welt zu „importierte Inflation“). Ich empfehle dazu den Wikipedia-Artikel zu Rudolf Havenstein (hier; bezeichnenderweise sind die kritischen Aussagen zu seiner inflationsfördernden Politik nicht auf der deutschen Wikipedia-Seite enthalten), um sich die potentiellen Wirkmechansimen zu vergegenwärtigen, denen wir uns jetzt nähern.

Die deutsche Politik ist  – Dank Euro – nicht mehr Herr bzw. Frau ihrer eigenen Geldpolitik. Dementsprechend hat die deutsche Politik keine oder nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, auf diesen „Hebel“ einzuwirken. Die nächste deutsche Regierung könnte dementsprechend – wenn es schlecht läuft – „vom Regen in die Traufe“ kommen, sprich nach den Corona-Hilfsprogrammen direkt die Hilfsprogramme zur Abfederung der Folgen der Inflation starten müssen. Das dürfte den Gestaltungsspielraum dieser neuen Regierung aber – selbst bei Außerachtlassung von Schuldenbremse und ungehinderter Kreditaufnahme – spätestens dann stark einschränken, wenn die Welt „MMT“ nicht mehr so sexy findet.

Spruch des Tages: „Im Verhältnis zum Bedarf zirkuliert in Deutschland heute weniger Geld als vor dem Krieg. Diese Aussage mag überraschen, ist aber richtig. Die Auflage beträgt jetzt das 15- bis 20-fache der Vorkriegszeit, während die Preise um das 40- bis 50-fache gestiegen sind.“ – Julius Wolf, Wirtschaftsprofessor, 1922

Keep calm and carry on!

-tz 

Anmerkung: Timing war noch nie meine Sache: hatte nicht mitgeschnitten, dass Destatis heute seine neuen Inflationsschätzungen herausgibt: In der zunächst veröffentlichten Version des MB fand sich für „Deutschland“ unter den Links: zunächst folgender Eintrag: „Destatis: „Inflationsrate im August 2021 bei +3,9 %“ – im September wird das nicht mehr reichen, da dürfte eine „4“, wenn nicht gar eine „5“ vor dem Komma stehen, wie die nachfolgenden Beobachtungen zeigen.“ Schon wenige Stunden später sollte ich Recht behalten – und habe den Post deswegen noch geändert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.