Morning Briefing – 16. November 2021 – Wirtschaftskriminalität – Wirecard – Haftung allerorten?

Guten Morgen,

Nachdem ich in der letzten Ausgabe meiner Reihe zu Wirecard „Blamagen allerorten“ feststellen konnte (hier), nahm der Fall mit der Veröffentlichung des Wambach-Berichts durch das Hurrablatt eine plötzliche Wendung. Anlass genug, sich mal die weitere Entwicklung anzuschauen:

Wambach-Bericht: https://www.handelsblatt.com/downloads/27790624/4/wambach-bericht-2021.pdf

https://nachrichten.handelsblatt.com/7df3cb0a739bfa70806750cdfb14ac8d2b9dfe23fda6c1f3018409feab60d65b561a97c5ec7ecc40cce340c9270fe3ce?xing_share=news

https://www.finance-magazin.de/banking-berater/wirtschaftspruefer/wambach-bericht-zu-ey-und-wirecard-enthuellt-101309/

Das Hurrablatt, wer hätte das gedacht, mal so richtig investigativ – und bügelt nebenher noch den Fehler des Parlaments aus, die Geheimhaltung des Wambach-Berichts aufzuheben. Finde ich ja cool! Man wird in nächster Zeit wohl nicht mehr so viele Anzeigen von EY im Blatt finden. Ich will auch gar nicht wissen, wer dem HB diesen Bericht zugespielt hat….

Bereits nach einer ersten, nur oberflächlichen Lektüre des Wambach-Berichts ist klar, warum EY so um die Geheimhaltung gekämpft hat: Der Bericht ist eine schallende Ohrfeige für die Arbeitsqualität von EY und dürfte haftungsrechtlich ein ziemlich großes Problem werden (s. gleich unten). In meinen Augen bricht der Wambach-Bericht EY das prüferische „Genik“ – denn EY hat indische Whistleblower aus den eigenen Reihen nicht ernst genommen. Angesichts der von diesen Personen im Frühsommer 2016 (!) klar geäußerten Vorwürfe (Wambach-Report Rz. 86) hätte EY viel genauer und kritischer prüfen müssen – und die Chance, dass die dann ab Rz. 216 aufgelisteten Warnsignalen zur Aufdeckung des Betruges zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt geführt hätten, ist als sehr groß anzusehen. (s. auch Anmerkungen im Wambach-Report, Rz. 133 ff. oder Rz. 182). 

EY: https://www.thepioneer.de/originals/hauptstadt-das-briefing/articles/wirecard-80-ey-berater-wechseln-zur-konkurrenz

https://www.handelsblatt.com/unternehmen/dienstleister/wirecard-skandal-ey-kaempft-um-mandate-und-um-vertrauen/27790972.html

https://www.heise.de/news/Wirecard-Skandal-Insolvenzverwalter-bereitet-Klage-gegen-Bilanzpruefer-EY-vor-6267420.html

Na, das sieht ja super aus für EY: Dass die Forensik-Berater von EY in Scharen wechseln, ist sowieso kein Wunder. Wenn man derzeit als EY-Partner auftritt und was davon erzählt, wie toll man Betrügereien aufklären kann, macht man sich wohl eher zur Lachnummer – auch wenn das Forensic-Team von EY wohl tatsächlich in Sachen Wirecard zumindest Warnungen abgesetzt hat (s. oben und Rz. 122 des Wambach-Berichts).

Und auch als Prüfer dürfte EY derzeit nicht so richtig willkommen bei deutschen Unternehmen sein – schon allein die Kommentare, die man als GF oder Vorstand zukünftig abbekommen dürfte, wenn man der Bank einen von EY geprüften Jahresabschluss abliefert, dürften nicht vergnügungssteuerpflichtig sein. Aber das Geld aus diesen Aufträgen könnte EY wahrscheinlich gut gebrauchen, um die Forderungen von Herrn Jaffé erfüllen zu können.

Und sollte ein Gericht tatsächlich zu der Erkenntnis gelangen, dass die Fehler von EY grob fahrlässig oder gar vorsätzlich waren (was ich nach der ersten Lektüre des Wambach-Berichts nicht ausschließen würde), bestünde die ernsthafte Gefahr, dass aus den ehemals „Big Five“ (die nach den Betrügereien um Enron um Arthur Andersen „gekürzt“ wurden) und jetzt „Big Four“ dann die „Big Three“ würden. Aber ich bezweifele mal, dass das die US-Behörden zulassen werden. Ich denke, wir werden in ein / zwei Jahren einen Vergleich sehen, der eine Zahlung von rund einer halben Milliarde Euro von EY an den Insolvenzverwalter vorsieht….

Braun: https://www.focus.de/finanzen/recherche-im-finanzskandal-sitzt-im-fall-wirecard-seit-15-monaten-der-falsche-schattenmann-hinter-gittern_id_24362206.html

Steile These – Herr Braun unschuldig? Aber auch in der dritten Folge des (in einer weiteren Episode dieser Serie diskutierten) Podcasts von Spotify wird diese Theorie diskutiert – Braun, der sich hat von einem Marsalek hat blenden und täuschen lassen. Nun ja. Auch eine Hypothese.

Fazit: So langsam wird das Desaster durch den Wambach-Bericht fassbar und die Folgen des Skandals beginnen zu wirken. EY dürfte in den nächsten Jahren nicht gerade eine Gruppe von „Happy Campers“ sein. Auch angesichts der Ausführungen im Wambach-Bericht müsste Herr Braun aber schon AKTIV die Augen und Ohren vor den Zuständen in seinem Unternehmen verschlossen haben, um nichts von den Vorwürfen gewusst zu haben.

Nach der Blamage folgt also die Haftung. Aber die Frage bleibt – was schwimmt da draußen noch so rum?

Spruch des Tages: „Wir haben hier schon viel erlebt. Aber das hier ist schon mal die Kirsche auf dem Eisbecher.“ – Jens Zimmermann, im Wirecard-Untersuchungsausschuss (mehr davon hier)

Keep calm & carry on!

-tz 

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