Morning Briefing – 20. Oktober 2017 // Digitalisierung // Agilität // Kryptowährungen

Morning

Guten Morgen,

Derzeit wird allerorten entweder der Geist des „Deutschen Herbst“ oder des „Schwarzen Montag“ (guter Artikel dazu hier) beschworen – jähren sich diese Ereignisse doch zum 40. bzw. 30. Mal. Aber: ich habe gerade in Bezug auf die Berichte zum Börsencrash vom 19. Oktober 1987 („schwarzer Montag“) den Eindruck, dass einige Journalisten entweder ihre vorgefertigten  Berichte für den Fall einer neuerlichen Krise noch schnell unterbringen müssen – oder eine Krise bewusst herbeireden wollen. In Zeiten, in denen behavioural economics zum Nobelpreis führen, sollte man sich als Leitmedien der eigenen Verantwortung bewusst werden und sich klarmachen, dass das eigene Reden auch der sprichwörtliche Tropfen sein kann.

Man denke hier nur daran, dass der „arabische Frühling“ durch einen Gemüsehändler ausgelöst wurde, der die Polizeiwillkür nicht mehr aushielt und sich öffentlich selbst verbrannte.

Und damit will ich die wirtschaftliche Situation gerade nicht schön reden. In den letzten zweieinhalb Jahren habe ich an dieser Stelle immer wieder geschrieben und meinen Studenten ständig erläutert, dass die Krise jetzt aber wirklich kommen würde – weil alle Parameter in diese Richtung zeigten (Verschuldung, Arbeitslosigkeit, etc.). Aber genau JETZT würde ich die Gefahr einer Krise wesentlich geringer einschätzen, als vor zwei, drei Jahren: Das Wirtschaftswachstum zieht (zwar schuldengetrieben, aber immerhin) an, die vormals als „turning points“ identifizierten politischen Ereignisse (Brexit, Trump, diverse Wahlen) haben eben entweder nicht zu den befürchteten Ergebnissen geführt oder die damit verbundenen „Schock-Erwartungen“ haben sich nicht erfüllt – letzteres spricht vielleicht auch für eine größere Resilienz des Systems, als wir alle gedacht haben.

Und deswegen ist dieses allgemeine und undifferenzierte Krisengelalle fast nicht auszuhalten. Denn zum einen verdeckt es, dass wir (ja, auch Sie) tatsächlich z. B. ein Rentenproblem haben werden – also die Lage in zehn Jahren nicht mehr so rosig aussehen wird, auch ohne den großen Crash. Zum anderen gibt es durchaus Indizes die man sich durchaus mal im Hinblick auf eine Krise anschauen könnte: Zum Beispiel den „Chinese Containerized Freight Index“ – der driftet nämlich seit einigen Monaten gen Süden.

So, dass musste jetzt mal sein.

Zurück zu den Schlagzeilen:

Digitalisierunghttps://www.iwd.de/artikel/digitalisierung-bremsklotz-mensch-361312/?pk_campaign=Newsletter&pk_kwd=iwd-Industrie4.0_Digitalisierung

Bahnbrechende Erkenntnisse vom iwd….

Agilität: Daimler: https://dcgi.org/2017/10/17/daimler-mitbestimmung-mehr-agilitaet-weniger-teamgeist/

Siemens: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/siemens-plant-kahlschlag-im-kraftwerksgeschaeft-a-1173697.html

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/konzernumbau-siemens-droht-die-mitarbeiter-zu-ueberfordern-1.3715382

Unter dem Stichwort „Abspaltung“ hatte ich bereits im Morning Briefing vom 10. Oktober (hier) von den Plänen von Honeywell zur Abspaltung verschiedener Unternehmensteile, den Verkauf von Osram durch Siemens und die Ausgliederung des Stahlgeschäfts bei ThyssenKrupp gesprochen. Nun legt Daimler nach und Siemens gibt Gas – mit erwartbaren  Folgen, denn die Mitarbeiter sind wohl nicht nur durch die Digitalisierung überfordert, wie uns das iwd erklärt, sondern auch durch solche Brüche.

Entgegen meiner Erläuterungsversuche am 10.10. („Zentralisierung vs. Dezentralisierung“) laufen diese Operationen jetzt unter dem Schlagwort „Agilität“ ab. Wahrscheinlich gerade hipp an den ganzen Business-Schools. Nicht, dass ich das Prinzip schlecht finde. Aber für jeden der meint, dass sei jetzt der neueste Schrei, dem empfehle ich mal die Lektüre von Richard Branson’s Biographie. Der hat zwar auch nicht das Prinzip der „Zellteilung“ erfunden,  aber schon vor DREISSIG Jahren durchexerziert…

Kryptowährungen: http://www.zerohedge.com/news/2017-10-19/worlds-largest-ico-imploding-after-just-3-months

Na, sind Bitcoin & Co. das nächste Enron?

Historisch: 1973: Im Zuge des Watergate-Skandals kommt es zum „Saturday Night Massacre“, bei dem US-Präsident Richard Nixon hintereinander zwei Justizminister feuert, weil sie sich weigern, den Chefermittler Archibald Cox zu entlassen. Erst der dritte Justizminister an einem Tag, Robert Bork, kommt Nixons Befehl nach (Aus <https://de.wikipedia.org/wiki/20._Oktober>)

Ich wünsche wie immer einen guten Start in den Tag und ein schönes Wochenende!

Viele Grüsse,

-tz

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