Morning Briefing – 15. Juli 2021 – So werden Sie (oder andere) reich!

Guten Morgen,

Zugegeben, das war Klickbaiting, aber die Überschrift zum letzten Special zu Arm/Reich (hier) hat mich dann doch zu sehr inspiriert, als dass ich dieses Bonmot liegen lassen konnte. Während ich beim letzten Mal die soziale Mobilität, sprich den „Fahrstuhl des sozialen Aufstiegs“ bei den Habenichtsen betrachtet hatte (der ist eher mit einem „Defekt“-Schild versehen), schaue ich mir heute mal den Paternoster der Habenden an:

Bastardökonomie: https://news.gaborsteingart.com/online.php?u=2mbECqf18050

„Bastardökonomie bezeichnet die zutiefst illegitime, von den Akteuren regelmäßig geleugnete, sachlich jedoch evidente Komplizenschaft zwischen Regierung, Notenbankgouverneuren und Hochfinanz, die kein anderes Ziel verfolgt, als den erreichten Grad an Unhaltbarkeit durch den Übergang zu einem noch höheren Grad derselben Verlegenheit zu „stabilisieren“. Der Bastard ist in diesem Fall der circulus vitiosus, der aus der pervers-intimen Beziehung eines enthemmten Staatsausgabensystems mit einem aus den Fugen geratenen Bankensystem entsprang.“ (gebaerbocked von Gabor Steingart, der aber selber Peter Sloterdijk formvollendet zitiert). Dem ist nichts hinzuzufügen.

Reichtum: https://www.faz.net/aktuell/finanzen/corona-pandemie-hat-fuer-wachsende-ungleichheit-gesorgt-17402254.html

https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/bericht-zu-dollar-millionaeren-zahl-der-reichen-in-deutschland-steigt-auf-1-5-millionen-a-01f23cf1-4575-426f-b1ac-1da257d53679

https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus232184769/Wohlstandsbericht-Wir-brauchen-nicht-weniger-Millionaere-sondern-mehr.html

https://www.handelsblatt.com/meinung/kommentare/kommentar-steigende-zahl-von-millionaeren-in-deutschland-fuer-eine-neiddebatte-gibt-es-keinen-grund/27355936.html

Klar, die Zahl der Reichen steigt inmitten der größten Krise der Menschheit um 27%, aber weder das Hurrablatt der deutschen Wirtschaft noch die Springer-Presse halten es ob ihrer Obsession für Reichtum für angebracht, mal nachzufragen, ob der anschwellende Reichtum der Wenigen nicht nur vielleicht zu Lasten der Vielen geht, sondern auch, ob er nicht vielleicht auf den Exzessen der oben zitierten „Bastardökonomie“ beruht. Ich empfehle mal ein bisschen mehr Piketty und ein bisschen weniger Friedman….

Investitionen: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/interview-lindner-will-bundesbeteiligungen-veraeussern-um-investitionen-zu-finanzieren/27378378.html?ticket=ST-2805499-ME7Ux9gmQH5Tf5vqZSHW-ap5

Ah, das Zombie der „Privatisierung“ wird mal wieder bemüht. Diesmal von Herrn Lindner – der Herrn Merz nacheifert. Die letzten Privatisierungen liefen ja schon super für Papi Staat, wie die Nachzahlungen für die „privatisierten“ Autobahnbau im dreistelligen Millionenbereich zeigen (hier). Aber klar ist, dass wir nach der Privatisierung wieder ein paar Millionäre mehr haben werden….

Sozialstaat: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/sozialstaat-deutschland-hat-2020-mehr-als-ein-drittel-seiner-wirtschaftsleistung-fuer-soziales-ausgegeben/27383348.html?ticket=ST-1279838-HTzmAlf1IpbPvCVZJDdA-ap2

https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/deutsche-wirtschaft-ein-drittel-fliesst-in-sozialleistungen-a-2ae44d2c-8afa-4640-a75e-8aba2f01ecbb

Ein Drittel (!) der deutschen Wirtschaftsleistung geht für Soziales „drauf“ – ein Großteil davon wiederum für die Rente. Und dieser Anteil wird auf Grund der raschen Vergreisung der Bevölkerung schnell steigen. Oder der Einzelne bekommt weniger und später….

Deutschlandfonds: https://www.focus.de/politik/deutschland/laschets-deutschlandfonds-still-und-heimlich-beerdigt-laschet-eines-seiner-grossen-versprechen_id_13451541.html

Ah, der Ersatz für die sterbende Riester-Rente (hier) wird also gerade wieder beerdigt (s. zur Anfangs-Euphorie hier). Na, das klingt doch toll für die Generationen X, Y, Z – sie werden noch lernen, was es heißt, dass die Rente „sicher“ sei….

Fazit: In meinen Augen streuen zumindest Teile der Medien immer noch den „Du-kannst-es-schaffen-wenn-du-es-nur-wirklich-willst“-Sand in die Augen ihrer (treudoofen?) Leser, wenn sie die (im Vergleich zur Restbevölkerung) geringe, aber stark steigende Zahl an Millionären so einfach zu einem Bonuspunkt erklären. Denn nicht nur ich weise mittlerweile regelmäßig nach, dass der „soziale Aufstieg“ auch in Deutschland immer mehr zu einem Mythos verkommt (s. Link oben oder auch hier). Und diejenigen, die gerade Geld scheffeln, dürften wahrscheinlich wiederum zu großen Teilen aus Nutznießern der oben dargestellten (nicht nachhaltigen) „Bastardökonomie“ bestehen. Sie sind so wenig wertschöpfend, wie Frau Esken, wenn sie einkaufen geht. Und die – von der FDP wieder aus der Mottenkiste hervorgeholte – „Idee“ der Privatisierung von öffentlichen Wirtschaftsgütern ist – wie das Beispiel Berlin anschaulich belegt (s. hier) so abgeschmackt, dass ich mich schon frage, wann die nächsten Meldungen über die Senkung der Mehrwertsteuer für Hotels eingeht…. Diese Privatisierungen werden nämlich nur die Schatullen eh schon reicher Menschen füllen.

Umgekehrt können mir die „Wirtschaftsforscher“, die hier ständig was davon faseln, dass der Vermögensunterschied in Deutschland ja gar nicht so groß wäre, weil ja die Rentenansprüche „nie“ reingerechnet würden, getrost den Buckel runterrutschen (s. hierzu nur erneut das Hurrablatt der deutschen Wirtschaft hier). Denn diese Ansprüche sind dem GRUNDE nach vielleicht gegeben – aber die HÖHE ist nicht als gerichtlich durchsetzbarer Anspruch festgelegt. Damit ist es total unseriös, derartige nicht fällige „Ansprüche“ gegen aktuell voll werthaltige Vermögensansprüche in Bargeld, Aktien oder Immobilien gegenzurechnen.

Und dass diese Diskussion nicht nur theoretisch ist, zeigt der aktuelle und zukünftig stark steigende Anteil des Sozialbudgets an der Wirtschaftsleistung Deutschlands. Wir kannibalisieren  damit nicht nur die Fähigkeit, Geld für Innovationen aufzubringen, die Deutschland voranbringen würden. Die weitere „Verscherbelung“ des deutschen Tafelsilbers, wie er wohl nicht nur der FDP vorschwebt, dürfte diesen Prozess noch beschleunigen. Gerade, weil die erzielten Erlöse eben nicht in einen Fonds gehen sollen. Und so werden dann einige Wenige auf Kosten der Vielen reich. Und die Vielen werden eine karge Rente bekommen, wenn überhaupt. Und nachher wird wieder lamentiert, wie wir uns amerikanischen Verhältnissen annähern.

Spruch des Tages:  „Erfolg bedeutet, sein Leben zu bereichern, und nicht, seine Schatzkiste zu füllen.“ – Paulo Coelho

Keep calm and carry on!

-tz 

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