Morning Briefing – 29. Juli 2019 – neue Vorsätze

Da steigt man im hart erarbeiteten Urlaub nichts ahnend die letzten Schritte in Richtung Hochpalfennock auf – und glaubt, seinen Augen nicht zu trauen: Statt der erwarteten einheimischen Kühe oder Pferde stehen da plötzlich südamerikanische Lamas. Merke: Nicht immer kommt das, was man erwartet…

Verglichen mit dieser Urlaubs-Überraschung gebärdet sich die Nachrichtenlage der letzten 14 Tage wenig volatil: Ja, Frau von der Leyen ist (wenn auch knapp) zur neuen Kommissionschefin gewählt worden (hier), und, ja, Herr Johnson ist neuer britischer Premier (hier).  Auch werden die Äußerungen von Herrn Draghi (hier) und Herrn Powell (hier) von den Anlegern so gewertet, dass die Zinsen tatsächlich wieder sinken und/oder weitere monetäre Maßnahmen eingeleitet werden. Die im letzten Morning Briefing vor der Sommerpause entsprechend gestellten Fragen (hier) sind also alle ohne Überraschungen entschieden und beantwortet worden. So weit, so gut (oder schlecht, denn ich habe ja „Dank“ der Wahl von Frau von der Leyen nun auch noch meine Wette verloren, hier).

In einem gewissen Kontrast zu den fehlenden politischen Überraschungen steht der Meinungswandel in der Print-Presse. Nicht die im Sommerloch an sich zu erwartenden Meldungen (etwa von Echsen in Badeteichen), sondern eher misanthropische Kommentare bestimmen das (Wirtschafts-) Bild: „Die Goldenen Jahre sind definitiv vorbei“ (Süddeutsche, Danke Alex), „Abschwung oder Krise? – Der weltweite Wirtschaftsboom endet“ (Handelsblatt) oder „Das Land mit der roten Laterne“ (SPON). Trotz dieser eher trüben Kommentare heben die Aktienmärkte weiter ab, wie auch Wolf in einem sehr lesenswerten Wutanfall konzediert („I Got it, Nothing Matters. Tesla, Boeing, Other Stocks: It’s Like the Whole Market Has Gone Nuts„). Aber im „New Normal“ sind schlechte Wirtschaftsnachrichten gute Nachrichten – denn die Zentralbanken werden ja die Zinsen – wie oben angedeutet – weiter senken und ähnliche schöne Bonbons für die (Finanz-) Industrie verteilen (zu den Risiken noch mal hier).

Was ich problematisch finde, ist zum einen, dass „die Krise“ sich nicht (wie der Meinungswandel in den Medien in den letzten Wochen suggeriert) erst seit diesem Sommer ankündigt, sondern der sprichwörtliche Zaunpfahl des Abschwungs spätestens seit Dezember 2018 geschwenkt wurde – während „Experten“, wie Herr Rürup,  die Krise noch „vertagen“ wollten (hier). Zum anderen, dass – bis auf die schon genannten – monetären Maßnahmen kein Konzept in Sicht ist, wie man die „Triade des Grauens“ aus ökologischen (Stichwort „Klimawandel“), ökonomischen (Stichwort: „Rezession“) und gesellschaftlichen (Stichworte: „Spaltung“, „Einkommens- und Vermögensungleichheit“, „Folgen der Digitalisierung“) Problemen umfassend („hollistisch“ im beratersprech) angehen könnte. Selbst die Grünen fallen hier eher mit immer neuen Forderungen, denn mit durchdachten Konzepten auf. Sie sind aber noch bei weitem besser, als die Regierungsparteien, die sich scheinbar nur noch in Personalien ergehen…

Es scheint, dass „die Politik“ zum einen die Krisenanzeichen (bewusst?) ignoriert und/oder zur Krisenabwehr erneut einzig auf das Arsenal der Zentralbanken vertraut – und ansonsten hofft, die kommende Krise „ausreiten“ zu können. Den Damen und Herren seien deswegen zwei prophetische Artikel aus Zerohedge ans Herz gelegt: „Germany Struggles On“ zeichnet angesichts verschiedener seit Monaten sinkender Indizes nicht nur die Krise für die deutsche Wirtschaft nach, sondern auch, dass an einem bestimmten Zeitpunkt die beteiligten „Player“ das Handtuch werfen dürften- sprich, selber ihre Haut retten. Was von einer Rezession in einen Crash führen könnte. Und in „Are Central Banks Losing Their Big Bet?“ deutet Mr. El-Erian (was für ein Ritterschlag für Zerohedge!) an, dass die monetäre Politikausrichtung vielleicht doch an ihre Grenzen kommen könnte.

Nachdem nunmehr klar ist, dass die Krise kommt oder vielleicht schon da ist, braucht es keinen Prognostiker mehr. Meine – vorwiegend in diesem Morning Briefing verfolgte – Aufgabe, vor der nächsten Krise zu warnen, hat sich weitestgehend erledigt. Die Krise ist jetzt Mainstream. Die nächste Aufgabe wird es sein, die zuvor geäußerte Kritik an der Konzeptionslosigkeit der Politik aufzunehmen und über Wege nachzudenken, wie man aus dem selbst verschuldeten Schlamassel wieder herauskommt. Das ist schwieriger, als vor einer Krise zu warnen. Ich will es gleichwohl versuchen. Schaun mer mal, ob Casssandra auch konstruktiv sein kann…

In diesem Sinne: Auf ein neues!

Viele Grüße,

-tz

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