Auch wenn der Militär-Historiker Sönke Neitzel nicht recht hatte, als er uns hier im Frühjahr 2025 prophezeite, dass wir nur noch „einen Sommer“ im Frieden hätten (s. seine aktuellen Äußerungen dazu hier), hat er sich möglicherweise lediglich um ein Jahr vertan.
Denn vorletzte Woche vermeldete die Bild „Putin könnte Nato schon im Herbst angreifen“ (hier). Die Ereignisse der letzten Wochen sind denn auch nicht geeignet, diese Schlagzeilen als schlichte Panikmache abzutun. Tatsächlich steigt vielmehr die Wahrscheinlichkeit für ein „Herbst-Szenario“: So mehren sich die Hinweise auf eine größere Mobilisierungs-Welle in RUS (hier). Der Deutsche ex-Botschafter in Moskau, Graf Lambsdorff erläuterte kürzlich bei Ronzheimer (hier, ab ca. min 45), dass RUS es geschafft habe, die Wehrerfassung zu digitalisieren und so auch eher verdeckt mobilisieren zu können. Er glaubt ebenfalls an eine größere Mobilisierung nach den Wahlen im September. Zwar dürften die so „ausgehobenen“ Soldaten im Endeffekt dazu dienen, die immer größeren Personallücken an der UKR Front aufzufüllen, aber der von RUS ausgegebene „Narrativ“ dürfte einen anderen Spin bekommen.
Dementsprechend häufen sich derzeit Vorfälle, die man im Vorfeld eines „Herbst-Szenarios“ erwarten würde. So könnte der Flüchtlingsansturm auf die span. Exklave Ceuta (näher hier) Ende Juli als Beginn derartiger vorbereitender Handlungen einzustufen sind (hier). Auch der Anschlag auf den CSD in Berlin Ende Juli (hier) könnte als Beginn einer Serie zu bewerten sein (so hier). Nach aktuellen Meldungen (hier) dürfte eine Beteiligung RUS am versuchte Sprengstoffanschlag per Drohne auf eine Antonov am Flughafen Leipzig (hier) zumindest nicht ausgeschlossen sein. Die Antonov, der der Anschlag galt, dient in einem Nato-Verbund (hier). An der Drohne sollen 800 gr. Semtex befestigt gewesen sein: Zum Vergleich: Beim Lockerbie Attentat kamen „…340 bis 450 g Plastiksprengstoff…“ zum Einsatz (hier). Wenn man sich hier die Folgen einer Explosion von 25gr Semtex anschaut, wird deutlich, welches Glück Leipzig hatte. Nach einem Anschlagsversuch auf Rheinmetall-Chef Papperger im April 2024 (hier), wurde nun auf den Chef des deutschen Drohnenherstellers Donaustahl, Stefan Thumann, ein Mordanschlag verübt (hier und hier). Ende letzter Woche wurde die Berliner Senatsverwaltung gehackt und „sensible Daten“ abgesaugt. Wie die Auflistungen hier und hier zeigen, sind die Ereignisse nicht auf Deutschland beschränkt, sondern treffen zahlreiche europäische Länder.
In diesem Zusammenhang hilft der schlichte Verweis auf die – als solche nicht anerkannte, aber immer wieder ins Feld geführte – sog. „Gerassimov-Doktrin“ (s. dazu näher hier und hier) als Begründung nicht wirklich weiter. Diese Doktrin beschreibt die Verknüpfung militärischer und nicht-militärischer Mittel (wie Propaganda, Cyberangriffe, Wirtschaftsdruck und verdeckte Operationen), um Konflikte unterhalb der Schwelle eines klassischen offenen Krieges zu gewinnen. Denn zum einen könnten die genannten (und weitere) Ereignisse tatsächlich Einzelfälle ohne inneren Zusammenhang sein. Die oben beschrieben Zunahme der Aktivitäten gibt allerdings zu denken. Sollte das „Herbst-Szenario“ also tatsächlich das Ziel sein, wird man das (auch) an einer sich bis dahin immer weiter steigernden „hybriden“ Aktivität RUS ablesen können.
Man könnte gegen die Plausibilität eines „Herbst-Szenarios“ zudem anführen, dass sich RUS aktuell in der UKR in einer kritische Lage befindet (s. nur Oberst Reissner: Warum für Putin auf der Krim alles zusammenbricht | Markus Reisner). Eigentlich, so könnte man denken, müsste sich RUS doch auf diese Front konzentrieren. Eigentlich. Wie die Rede von Goebbels im Sportpalast Anfang 1943 – also nach Stalingrad und dem verlorenen Feldzug in Afrika („Wollt ihr den totalen Krieg“, näher hier) – zeigt, neigen Staatsführer bei einer drohenden Niederlage eher dazu, die letzten Kräfte zu mobilisieren, um doch noch einen grandiosen Sieg einzufahren, als die Verluste zu minimieren und die eigenen Wunden zu lecken. Und so schlecht scheint es um die RUS militärischen Aktivitäten in der UKR selbst auch nicht bestellt zu sein (hier). Dementsprechend könnten die Aktivitäten auch dazu dienen, den genannten „Narrativ“ für die Mobilmachung zu liefern.
Ferner dürfte sich das „Herbst-Szenario“ weniger in Form eines großen Angriffs mit Panzertruppen realisieren, sondern eher als Wiederkehr der „kleiner grüner Männchen“, wie schon 2014 in der Ukraine (hier) oder im Oktober (!) 2025 an der Grenze zu Estland (hier). Dieses Vorgehen würde keine größeren Truppenverbände binden und übrigens ziemlich genau dem von Carlo Masala in „Wenn Russland gewinnt“ (für 2028!) geschilderten „Narwa“-Szenario (hier) entsprechen. Sprich, die Masse der neu mobilisierten Truppen kann selbst bei einem „Herbst-Szenario“ in die UKR gehen. Und gleichzeitig als Absicherung gegen Vergeltungsmaßnahmen des Westens nach einem „Herbst-Szenario“ in der Hinterhand bleiben. Masala selbst geht übrigens davon aus, dass die (räumlich beschränkte) Invasion durch subversive Maßnahmen vorbereitet und flankiert würde – wo wir wieder bei den oben beschriebenen erhöhten Aktivitäten wären.
Das „Herbst-Szenario“ ist also nicht auszuschließen, möglicherweise sogar nicht unwahrscheinlich, und die derzeitigen „hybriden“ Angriffe könnten tatsächlich das Vorspiel zu einem niederschwelligen Angriff auf das Nato-Territorium darstellen. Somit könnten wir tatsächlich den letzten Sommer im Frieden verbracht haben. Aber selbst wenn wir noch einen oder einige weitere Friedenssommer erleben sollten, bleibt die bange Frage, wie weit wir bereit sind für einen „Fight Tonight“ (hier). Ich befürchte, „ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern„, wie Herr de Maizière 2015 ausführte (hier). Denn die in meinem letzten Briefing zur deutschen Sicherheitslage vom 21. Februar 2022 (hier) ausführlich beschriebene ungute (mentale!) Ausgangslage Deutschlands scheint sich in den letzten Jahren nicht fundamental gebessert zu haben. Das könnte zu einem (erneuten!) bösen Erwachen führen: „Wenn einem großen Teil einer Gesellschaft plötzlich bildlich gesprochen ein Hammer der Realität gegen den Kopf geschlagen wird, führt das zu einem gewaltigen Lähmungs-Prozess, den viele stark unterschätzen. Und das geht nicht in ein paar Tagen vorbei. Das kann Monate dauern. Und genau das wäre auch das Hauptziel eines solchen „Hybriden Anschlagsszenarios durch staatliche Akteure.“ (hier).
