Stell dir vor, es ist der 31.12.2026, 20:30 Uhr…

…und die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers interessiert Sie nicht besonders, weil Sie andere Sorgen haben.

Oder, anders gesagt – für alle, die sich jetzt auf meine Jahresprophezeiungen gefreut haben, beginnt das Jahr auch an dieser Stelle anders als gewohnt.

Warum? Zum einen, weil sich bereits zehn Tage nach Jahresbeginn die Ereignisse – nicht nur im Iran – so überstürzen, dass die meisten Prognosen, die Ende 2025 erstellt wurden, jetzt schon Makulatur sind. Zum anderen, und das ist wesentlicher, weil ich den Sinn eines prophetischen Blicks in die Glaskugel schlicht nicht mehr sehe. Der Sinn meiner Prophezeiungen in den Vorjahren (s. zum letzten Jahr hier) war ja, über die Skizzierung vermeintlich extremer Szenarien Denkanstöße zu geben – und damit das Risikobewusstsein zu verbessern. Meine erste Prophezeiung von 2018 (hier (und hier die komplette Liste) liest sich heute wie aus einer anderen Zeit. Und so ist es auch – wir sind zwischenzeitlich in ein anderes Zeitalter eingetreten. Einen Namen dafür werden die Historiker noch finden. Aber – und das ist das Eklatante – dieses neue Zeitalter ist nicht einfach über uns hereingebrochen – es gab genug Zeichen und Warner. Man muss sich nur meine Jahresprognose für 2024 ansehen (hier), um zu erkennen, dass die jetzt eingetretene Situation bereits 2024 konkret vorhersehbar war und sie – neben mir – tatsächlich auch von etlichen Personen vorhergesagt wurde. Gleichwohl sehen wir jetzt in den Abgrund – gleichwohl scheinen etliche Protagonisten von dieser Entwicklung immer noch überrascht zu werden: so arbeitet die Wirtschaftsweise Grimm hier gut heraus, dass es – fast 30 (!) Jahre nach der „Ruck-Rede“ von Roman Herzog (hier und hier) – scheinbar immer noch ein Erkenntnisproblem bei führenden Politikern über die tatsächliche wirtschaftliche Lage Deutschlands gibt. Nachdem das gesamte (!) Kabinett noch im September lediglich von einer „schlechten Stimmung“ ausging, die es anzugehen gelte (hier), scheint zumindest Herr Merz den Ernst der Lage ansatzweise begriffen zu haben: So tauscht er seinen Büroleiter aus, um die wirtschaftliche Kompetenz zu stärken (hier) und versucht, die Regierungsfraktionen auf wirtschaftsfreundliche Reformen einzuschwören (hier).

Vielleicht hat zumindest er ja jetzt wirklich verstanden, wie schlecht es um die deutsche Wirtschaft steht – allein es dürfte zu spät sein, das Ruder noch rumzureißen (s. auch hier). Wir werden – trotz billionenschwerem Sondervermögen – auch in 2026 bestenfalls anämisches Wachstum sehen, im Zweifel aber ein weiteres rezessives Jahr. Und die Jahre danach werden nicht besser – da stehen Polykrise, demographische Entwicklung und „Energiewende“ vor. Und nicht zuletzt die fehlende Erkenntnis- und Einsichtsfähigkeit nebst daraus resultierender Reformunfähigkeit der Nomenklatura. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, benötigt niemand (zumindest niemand, der in der deutschen Wirtschaft arbeitet) noch Gedankenanstöße – „die“ Krise ist da, die vorhergesagten Risiken verwirklichen sich gerade (alle auf einmal). So gesehen bin ich also damit gescheitert, das Bewusstsein für risikobehaftete Entwicklungen zu steigern – und damit das seit Corona berühmte Präventionsparadoxon auszulösen. So widerfährt es allerdings den meisten Cassandras. Das muss man zur Kenntnis nehmen – es hat aber wenig Zweck, dasselbe weiter zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.

Was nun? Weniger vom Gleichen und mehr vom Anderen: Technisch gesehen folgt auf die Erkenntnis, dass sich ein Risiko materialisiert hat, „die“ Krise also  eingetreten ist, das Krisenmanagement. Im Laufe der letzten zwei Jahre bin ich nicht nur zu der oben mit dürren Worten beschriebenen Erkenntnis gelangt, sondern auch zu der, dass es nicht mehr ausreicht, vor Risiken zu warnen. Zudem habe ich mich als Wirtschaftsanwalt auf Grund steigender Fallzahlen im Restrukturierungsbereich intensiv mit Krisenmanagement befassen „dürfen“ (auch ein Grund, warum auf diesem Blog zwischenzeitlich wenig passiert ist). Aus dieser praktischen Beschäftigung ist in den Jahren 2024 und 2025 ein Artikel zur integrierten Unternehmensführung (hier) und ein um Elemente des Krisenmanagements ergänzter Vortrag zur Risikofrüherkennung (hier) erwachsen. Zusammen mit meinem Artikel aus 2020 zur Risiko- und Krisenfrüherkennung in mittelständischen Unternehmen (hier) bilden diese Dokumente die Basis für meine aktuelle Tätigkeit nicht nur auf diesem Blog.

Erfolgreiches Krisenmanagement beginnt zum einen VOR der Krise – sprich mit Vorbereitung auf eine Krise. Berlin zeigt mit seinem weiteren durch einen Terroranschlag ausgelösten Stromausfall erneut, wie man es nicht macht (s. nur hier). Pikant an der Sache ist, dass sich der Landesrechnungshof Berlin erst im Dezember 2025 kritisch über den Stand des Katastrophenschutzes geäußert hatte (hier, ab S. 108 und hier) Die Situation in Berlin dürfte allerdings die Realität in der gesamte Republik zumindest andeuten. Die Erkenntnis für jeden Einzelnen und für jeden Geschäftsführer und jeden Unternehmer aus diesem eher desolaten Stand staatlicher Krisen-Vorbereitung kann deswegen nur lauten, dass er sich selber auf kommende Krisenszenarien vorbereiten muss.

Sozusagen als „Erste Hilfe“ verlinke ich nachfolgend einige Grundlagendokumente, die dazu dienen, die aktuelle Lage einzuordnen, die aktuelle militärische und politische Lage zu verstehen und sich persönlich auf kommende Krisenszenarien vorzubereiten:

Szenarios – Carlo Masala, „Wenn Russland gewinnt“ (hier) und Gehringer/Steger, „Deutschland im Ernstfall“ (hier).

Grundlagendokumente Deutschland

OPlan DEU (hier, geheim), aber: Studie der Bw Consult zur Umsetzung des OPlan DEU (hier), WSJ zum OPlan DEU (hier).

DIHK: https://www.dihk.de/dihk-de-legacy/aktuelles-und-presse/aktuelle-informationen/verteidigung-braucht-eine-starke-wirtschaft–135082

Bund / Länder-Arbeitsgruppe: https://www.bundesrat.de/IMK/DE/termine/to-beschluesse/2025-06-13_DOK/TOP_57.pdf?__blob=publicationFile&v=1

Broschüren zur Krisenvorbereitung Zivilbevölkerung (Eigenschutz)

BBK-Broschüre: https://www.bbk.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Mediathek/Publikationen/Buergerinformationen/Ratgeber/BBK-Vorsorgen-fuer-Krisen-und-Katastrophen.pdf?__blob=publicationFile&v=39

Schwedische Broschüre: https://www.msb.se/en/tools/news/the-brochure-if-crisis-or-war-comes-is-available-to-download/

MHW Selbsthilfekurs: https://www.mhw-deutschland.de/akademie/kurse

Ausbildung im Katastrophenschutz:

https://www.berlin.de/ba-lichtenberg/aktuelles/pressemitteilungen/2024/pressemitteilung.1489541.php

Nr. 5 ist ein add-on, aber ich empfehle auf jeden Fall: Machen Sie einen Erste-Hilfe-Kurs!

Schließen will ich diesen Post mit einem Statement der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen aus dem Februar 2025: 

 “Our entire European way of thinking – the privilege of having long processes, many interesting considerations, and even academic reports – that is over.“ (hier)

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein erfolgreiches, gesundes Jahr 2026 – schaun mer mal, ob und was ich Anfang 2027 so schreiben kann.

C U (hopefully) in 2027!

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