Neo-Liberalismus – Was kommt danach?

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Während einer meiner letzten Vorlesungen hielt mir ein Student die „10 Regeln der VWL nach Mankiw“ vor. Nachdem ich diese „Regeln“ gelesen hatte (Kostprobe: „5. Durch Handel kann es jedem besser gehen“), war mein Rest-Glaube an die Volkswirtschaftslehre doch arg erschüttert.

Also machte ich mich auf die Suche nach dem Heiligen Gral des (volks-) wirtschaftlichen Wissens, also den theoretischen Grundlagen des Faches. In einer kleinen Reihe will ich mich diesen Grundlagen widmen und dem Zeitgeist entsprechend gleich mit dem „schwarzen Zauber“ des Neo-Liberalismus starten. Dies auch deswegen, weil ich neulich auf einen ziemlich guten Artikel dazu von Philipp Ther im Tagesspiegel stieß. Darin stellt er dar, dass der Neo-Liberalismus – im Gegensatz zu anderen Ideologien – eigentlich keine dogmatisch einheitliche Grundlage besitzt, sich gleichwohl aber als Idee durchgesetzt hat (ebenfalls sehr gut dazu, wenn auch langatmig: Douglas in evonomics).

Vereinfacht ausgedrückt ging es den Vätern (derzeit schlägt sich ersichtlich keine Frau darum, als „Mutter“ bezeichnet zu werden) des Neo-Liberalismus ursprünglich um einen dritten Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus. In Deutschland prägte sich dieser Liberalismus in der sog. „Sozialen Marktwirtschaft“ aus. Beruhend auf den Thesen von Milton Friedman entwickelte sich nachfolgend auch die sog. Chicagoer Schule, die (im Gegensatz zum noch zu behandelnden „Keynesianismus„) eher einem „Marktfundamentalismus“ huldigte, der sich in einer Rückführung der Staatsquote, der Privatisierung staatlicher Aufgaben und der Deregulierung des Kapitalverkehrs niederschlug. Bekannte Ausprägungen erfuhr dieser Ansatz in der Politik von Ronald Regan (Reaganomics) und Magaret Thatcher (Thatcherismus). Offen gescheitert sind mit diesem Ansatz die sog. „Chicago Boys“ im Chile unter Pinochet schon zu Beginn der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Gleichwohl verbreitete sich der neo-liberale Ansatz weiter. Projekte, wie die Privatisierung von staatlichen Einrichtungen (etwa der Berliner Wasserbetriebe) erlebten erst in den Nuller Jahren des neuen Jahrtausends ihre Hochblüte. Ja, wir Deutschen hinken halt immer etwas hinterher… Angesichts der immer noch nicht überwundenen Finanzkrise läuft nun  aber scheinbar (bereits oder endlich?) der dogmatische Roll-Back, zumindest, wenn man die letzten kritischen SPON-Artikel zu dieser Themenstellung sieht („Warum hohe Steuern der Wirtschaft nicht schaden müssen“ und „Jachten produzieren nix“).

Lange vor den Leitmedien hat sich aber schon Widerstand gegen das Dogma der angeblich so freien Märkte gebildet: Bereits 1999 hatte sich z. B. schon Noam Chomsky gegen den Neo-Liberalismus gestellt. Sein Grundlagenwerk „Profit over People“ aus dem Jahre enttäuschte mich dann aber doch: Das Buch stellt zwar viele Behauptungen auf, ist aber auf der Nachweisseite sehr dünn und allgemein ist der Duktus eher verbittert-klassenkämpferisch. Nicht nur linke Dogmatiker wehren sich mittlerweile gegen die Prinzipien des Neo-Liberalismus. Auch frühere Leitfiguren haben sich zwischenzeitlich abgewandt: Jack Welch, dem man nachsagt, einer der „Väter“ des shareholder value (der Ausprägung der Lehre in der Managementlehre) zu sein, hatte in einem Interview mit der Financial Times Ende 2009 zumindest dieser Lehre schon mit drastischen Worten abgeschworen („On the face of it, shareholder value is the dumbest idea in the world.“).

Derzeit läuft in meinen Augen aber auch rein praktisch die Endphase des Neo-Liberalismus in seiner Ausprägung des Monetarismus. Nicht nur angesichts der auf die Deregulierung der Finanzmärkte folgenden Esakapaden, sondern auch der Sackgasse, in die sich die Zentralbanken aktuell mit ihrer ultralockeren Geldpolitik ohne vorherige Festsetzung eines Verfallsdatums selber manövriert haben, dürfte dieses „Experiment“ des 20. Jahrhunderts in den nächsten Jahren (mit einem Big Bang?) in den Geschichtsbüchern verschwinden. (ähnlich kritisch Weik & Friedrich in „Kapitalfehler„).

Die Frage ist aber, was danach kommen soll – und ob es in der Volkswirtschaft überhaupt eine einzige (die wahre?) Lehre geben kann. Derzeit tummeln sich zumindest einige Initiativen zur Änderungen der gegenwärtigen Volkswirtschafts-Lehre, wie etwa New Economic Thinking (INET) oder das Ernst Strüngmann Forum. Bis es soweit ist, dass eine (oder mehrere) neue „Lehre“ die Leere füllt, kann auch ich weiter nach dem heiligen Gral suchen. Vielleicht sollten wir das alle tun, damit die derzeitige „pragmatische“ Realpolitik mal wieder eine gewisse geistige Unterfütterung bekommt – und Wirtschaft wieder etwas anderes als Finanwirtschaft meint.

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